Psyche is the Greek word for soul. Anyone reading the story in Greek or Latin would have heard this immediately, and would have understood that the tale is, on at least one level, an account of what happens to a soul. It comes from The Golden Ass by Apuleius, the only Latin novel to survive in its entirety. The complete text in German is available as a free PDF below.

APULEIUS:

DER GOLDENE ESEL

 

Ich will dir, lieber Leser, in diesem milesischen Märchen allerhand lustige Geschichten erzählen, die dich gut unterhalten werden, falls du Lust auf ein Buch hast, das im lockeren ägyptischen Stil geschrieben ist. Du wirst darin auch sehen, wie Leute in andere Gestalten verwandelt werden und abwechselnd wieder in ihre ursprüngliche zurückkehren. Ich fange gleich an. Vorher noch ein Wort über mich: 


Meine Familie ist uralt und auf dem attischen Hymettos, dem ephyräischen Isthmos und dem spartischen Tänar, diesen gesegneten, in den Schriften der glänzendsten Genien ewig blühenden Landschaften, zu Hause. Dort, besonders aber in Attika, bin ich aufgewachsen. Später ging ich nach Rom. Aus Verlangen, mit der römischen Literatur bekannt zu werden, machte ich mich an die Sprache des Landes und studierte sie mit unsäglicher Mühe und Fleiß, jedoch ohne die geringste Anweisung. 


Deshalb bitte ich dich hier im Voraus um Entschuldigung, wenn ich etwa, als Ausländer, hin und wieder in dieser fremden Sprache Fehler begehe. Ich benutze sie nur, weil etwas Kauderwelsch dem Komischen des Stoffes umso mehr aufhilft und deine Unterhaltung allein mein Zweck ist. Die Geschichte stammt übrigens aus Griechenland. Jetzt fängt sie an. Pass auf, es wird zu lachen geben. 


Ich machte vor einiger Zeit in beruflichen Angelegenheiten eine Reise nach Thessalien, wo ich gleichfalls angesehen bin wegen meiner mütterlichen Herkunft vom berühmten Plutarch und von dessen Neffen, dem Philosophen Sextus. Nachdem ich auf meinem treuen einheimischen Schimmel manch steiles Gebirge, manch schlüpfriges Tal, manche betaute Wiese und holperige Ebene zurückgelegt hatte und er nun ganz erschöpft war, ich mir aber die Müdigkeit vom Sitzen etwas vergehen wollte, so stieg ich ab, wischte mit Laub den Schweiß vom Pferd, rieb ihm die Ohren, zäumte es ab, ließ es sich ein wenig verschnaufen und schlenderte ganz langsam voraus, bis es sich durch die natürlichen Wege erleichtert hatte. Während es beim Nachfolgen im Vorbeigehen an den Wiesen sich's wohlschmecken ließ, holte ich zwei Leute ein, die kurz vor mir hergingen. Ich horchte eben, was sie miteinander schwatzten, als einer von ihnen überlaut auflacht und sagt: 


»Ach, ich bitte dich, halt doch dein Maul und verschone mich mit so total abgeschmackten ungeheuren Lügen!« 


Das reizte meine ohnehin immer lebhafte Neugier. Ich ergreife also das Wort: »Mit Verlaub, Landsmann, so gebt mir eure Erzählung zum Besten! Ich mag gern alles mitanhören; nicht etwa weil ich so neugierig wäre, sondern bloß um mich zu unterrichten. Zugleich wird uns ja auch beim Schwatzen der Hügel hier nicht so schwer zu ersteigen!« 


»Na, Herr, da kann er sich wirklich in der Welt an niemand besser als an den wenden, wenn ihm mit einer richtig eingemachten Lüge gedient ist; denn was der mir da vorschwatzt, ist genauso wahr, als was sie immer sagen, dass man durch gewisse Hokuspokus die Ströme rückwärts zu ihren Quellen treiben, das Meer fesseln, den Winden ihren Atem nehmen, die Sonne anhalten, den Mond schäumen lassen, die Gestirne herabreißen, den Tag aufheben, die Nacht anhalten kann und was für Zauberquatsch es sonst noch gibt!« 


»Lasst euch trotzdem die Mühe nicht verdrießen, weiter fortzuerzählen,« redete ich nochmals und schon mit mehr Zuversicht den anderen an. »So wenig es euch da auch in den Kopf will, so kann es, beim Herkules! trotzdem alles sehr wahr sein. Ach, guter Freund, nur allzu oft verwirft unser verkehrter Sinn das als Lüge, was ihm doch nur ungehört, ungesehen ist oder was über das Ziel seiner Gedanken hinausreicht und er nicht fassen kann! Prüfte er es nur genauer, wie oft würde er nicht finden, dass es nicht allein ganz begreiflich, sondern auch durchaus machbar ist! Ich wäre zum Beispiel noch gestern Abend fast an einem Stück Käsekuchen erstickt, weil ich zu gierig aß und zu große Bissen davon nahm; da mir denn die klebrige Masse so die Kehle verstopfte, dass ich genug zu würgen hatte, ehe ich wieder Luft bekommen konnte. Und trotzdem habe ich neulich in Athen vor dem Portikus mit diesen meinen leiblichen Augen einen herumziehenden Marktschreier einen scharfen Degen, die Spitze zuerst, hinunterschlucken sehen! Ja, kurz darauf nahm er sogar einen langen Jagdspieß, stach sich damit für ein Trinkgeld, das man ihm gab, tief in den Leib hinein, und das Eisen, das er hier in den Unterleib stieß, kam samt dem Schaft aus dem Genick hinten hoch empor, und oben auf der Spitze ließ sich ein bildschöner Junge sehen, der da mit solch einem Anstand, mit solch einer Gelenkigkeit tanzte und gaukelte, dass wir Zuschauer vor Verwunderung alle Mund und Nase aufsperrten. Wahrhaftig, geschickter hätte sich nicht der edle Drache des Gottes der Ärzte um den knotigen Stab desselben herumschlingen können! Also, Landsmann,« sprach ich zu jenem wieder, »lasst mich nicht vergebens bitten! Will euch euer Kamerad nicht glauben, so tue ich's für ihn mit, und in dem ersten Wirtshaus, in das wir einkehren, bezahle ich aus Dankbarkeit eure Rechnung.« 


»Nicht doch, lieber Herr, das verlange ich nicht! Ich kann ihm ja wohl sowieso mein Geschichtchen erzählen: Ich will's ihm ganz von vorne wieder anfangen, weil er's gerne hören mag. Zuerst kann ich's ihm aber bei der Sonne, die uns bescheint, bei diesem allsehenden Gott schwören, dass alles, was ich ihm da erzählen werde, die helle, klare Wahrheit und mir selbst passiert ist! Er wird auch selber nicht daran zweifeln, wenn er erst in die nächste thessalische Stadt hier kommt, wo es sich öffentlich zugetragen hat und noch in aller Leute Mündern ist. Lass er sich auch vorher noch sagen, wer und woher ich bin und was mein Beruf ist: Ich heiße Aristomenes, bin aus Ägina und treibe in Thessalien, Ätolien, Böotien Handel mit Honig vom Berg Ätna, mit Käse und so ähnlichen Waren mehr, die in den Gasthäusern gebraucht werden. 


Einmal nun erkundige ich mich, dass zu Hypata, der angesehensten Stadt in ganz Thessalien, frischer wohlschmeckender Käse um sehr billigen Preis zu haben sei. Ich mache mich sofort dahin auf, um gleich den ganzen Vorrat wegzuschnappen. Aber ich armer Schelm musste zur bösen Stunde ausgegangen sein, meine Hoffnung, einen super Schnitt zu machen, schlug mir fehl; wie ich hinkam, hatte schon tags zuvor Kaufmann Wolf allen Käse komplett weggekauft. Von der nutzlosen Eile ermüdet, gehe ich gegen Abend ins Bad: Sieh da! da werde ich unterwegs meines alten Kameraden Sokrates ansichtig. Er saß auf der Erde, mit einem groben, lumpigen Mantel halb behangen, sich selbst fast nicht mehr ähnlich, totenblass und ganz entstellt vor Magerkeit: kurz, vollkommen so wie die Stiefkinder des Glücks an den Ecken um Almosen zu bitten pflegen. In diesem erbärmlichen Zustand war mir mein Freund peinlich und ich hätte fast so getan, als würde ich ihn nicht kennen; aber dann ging ich doch zu ihm hin: ›Um Himmels willen, lieber Sokrates, was ist das?‹ rief ich, ›wie siehst du aus? Sag mir, was hast du angefangen? Du bist zu Hause als tot ausgeschrien, beweint; die Gerichte haben deinen Kindern Vormünder bestellt, deine Frau hat die Trauer um dich schon wieder abgelegt und wegen dir sich so abgehärmt und abgeweint, dass sie beinahe unkenntlich und blind geworden ist; eben dringen alle Verwandten in sie, ihren betrübten Witwenstand lieber gegen die Freuden einer zweiten Ehe zu vertauschen – und währenddessen sehe ich dich hier, zu unser aller größter Schande, wie ein leibhaftiges Gespenst einherziehen?‹ 


›Ach, Aristomenes,‹ seufzte er, ›wie wenig musst du noch des Glückes Launen, Unbestand und Wechsel kennen!‹ 


Und mit den Worten verbarg er sein Gesicht, das blutrot vor Scham geworden war, so in seine Lumpen, dass kaum noch seine Blöße bedeckt war. Ich konnte den jämmerlichen Anblick nicht ertragen. Ich packe ihn an und will ihn aufrichten; aber mit verhülltem Kopf, wie er war, rief er: ›Oh lass mich; lass das Glück noch länger des Siegeszeichens genießen, das es sich selber aufgestellt hat!‹ 


Ich bringe ihn trotzdem noch dahin, dass er mir nachgibt, ziehe auch meinen Oberrock ab und bekleide – oder, um richtig zu sprechen, bedecke – ihn schnell damit und eile mit ihm ins Bad. Da stecke ich ihn in die Wanne und spüle ihn erst ab, schaffe währenddessen Salbe und Reibtücher herbei und scheuere ihm dann den alten Schmutz tüchtig ab, und nachdem ich ihn so bestens gepflegt hatte, führe ich ihn, da er ganz entkräftet war, so müde ich auch selbst war und so schwer mir's auch wurde, in eine Herberge, lege ihn zu Bett und gebe ihm zu essen und zu trinken und suche ihn durch allerhand Gespräche aufzumuntern. Schon waren wir auch wirklich guter Dinge, lachten, scherzten, stachelten einander an, waren laut, als plötzlich mein Gast schmerzlich aus tiefster Brust heraufseufzt, sich mit geballter Faust vor die Stirn schlägt und so anfängt: 


›Ich Unglücklicher bin bloß durch die verfluchte Lust, ein Gladiatorenspiel zu sehen, wovon sehr viel geredet wurde, in dies schmähliche Elend geraten! Denn, wie du weißt, reiste ich, um mir ein bisschen Geld zu machen, nach Mazedonien. Kaum habe ich dort zehn Monate mein Wesen getrieben, so ist mein Beutel auch schon so gut gefüllt, dass ich mich wieder auf den Heimweg begebe. Aber wie ich dicht vor Larissa komme, wo ich durch wollte, um dort eben die verwünschten Gladiatorenkämpfe mit anzusehen, fällt mich eine Straßenräuberbande in einem abgelegenen, versteckten Tal an, und ich muss alles, bis aufs Leben, im Stich lassen. In dieser Not gelange ich zu einer alten braven Gastwirtin mit Namen Meroe. Ich erzähle ihr den Grund meiner Wanderschaft, und wie ich nun beim Nachhausegehen alles meines sauer erworbenen Gutes beraubt worden war. Sie hört meine ganze Geschichte voller Mitleid an und nimmt mich sehr liebevoll bei sich auf, setzt mir auch, und zwar kostenlos, eine gut zubereitete Mahlzeit vor; am Ende aber, von Lust hingerissen, nimmt sie mich mit sich zu Bett, und damit war mein Unglück fertig! Denn in der einen Nacht hat mir's das Weib so angetan, dass ich ihr Saft und Kraft verschwendete, ihr auch selbst die Kleider, die mir die Räuber aus Erbarmen noch gelassen hatten, nebst allem dem hingab, was ich, da ich noch gehen konnte, durch Hausieren gewann; bis ich mich zuletzt, – Dank sei meinem bösen Geschick und diesem gutherzigen Weib! – in dem Zustand befand, in dem du mich jetzt antriffst.‹ – 


›Bei Pollux!‹ sprach ich, ›du verdientest, dass es dir noch schlimmer erginge, wenn möglich, als es bereits dir geht, da du so um schnöde Lust und um einer verhurten Schlampe willen Frau und Kind vergessen hast!‹ 


Ganz erschrocken fuhr er darüber voller Schreck mit dem Zeigefinger sich hastig auf den Mund. ›Psst! Psst!‹ rief er mir zu, sah sich sehr ängstlich überall um und sprach endlich: ›Oh Bruder, ich bitte dich, nimm dich in acht, dass du dir an dem Weib die Zunge nicht verbrennst!‹ 


›So?‹ antwortete ich spöttisch. ›Was ist denn mehr mit deiner Frau Wirtin? Ist sie so mächtig? Sie ist doch wohl nicht etwa eine Königin?‹ 


›Eine Zauberin ist sie, eine Hexe! Sie kann dir den Himmel herniederlassen, die Erde emporhängen, die Quellen versteinern, die Felsen zerfließen lassen, die Geister der Toten hinauf, die Götter hinabbannen, die Gestirne verdunkeln, den Tartarus selbst erleuchten...‹ 


›Halt, halt!‹ unterbrach ich ihn, ›dass du nicht noch über die tragischen Stelzen fällst! Pack lieber den theatralischen Plunder ein und sprich mit mir wie normale Leute.‹ 


›Na, na,‹ sprach er, ›soll ich dir eins und das andere von ihren Sächelchen erzählen? Dass sie die Einheimischen nicht allein, sondern die Inder auch, ja die beiden Äthiopier und selbst die Antipoden sterblich in sich verliebt macht, das ist nur erst Kleinigkeit, lauter Spaß! Aber hör nur an, was sie alles vor vieler Leute Augen getan hat. Einer ihrer Liebhaber hatte einmal ein Mädchen vergewaltigt. Mit einem Wort hat sie ihn da in einen wilden Biber verwandelt, um ihn an dem zu bestrafen, womit er gesündigt hatte; denn dieses Tier entmannt sich, um sich nicht fangen zu lassen. Danach tat ihr wieder ein benachbarter Gastwirt zu viel Abbruch im Geschäft; den hat sie zu einem Frosch gemacht, der bis jetzt noch immer in seinem Weinfass herumschwimmt und daraus mit heiserer Kehle die alten Kunden zu sich einlädt. Ein andermal hat sie einen Anwalt, der einen Prozess gegen sie geführt hatte, zu einem Hammel umgestaltet. Du kannst den Hammel noch heute vor Gericht plädieren sehen. Endlich hatte einmal die Frau ihres Liebhabers ihrer viel zu bitter gespottet. Was hat sie zu tun? Sie verschließt derselben in dem Augenblick, als es entbunden werden sollte, den Leib, treibt ihr die Geburt zurück und verdammt die arme Unglückliche zu einer ewigen Schwangerschaft. Es sind nun schon, wie ihr jeder nachrechnen kann, über acht Jahre, dass sie sich so mit dickem Bauch herumschleppt, als sollte sie einen Elefanten zur Welt bringen. Kurz, durch diese und andere ähnliche Streiche kamen sehr viele Leute zu Schaden, und der Unwille der ganzen Stadt wurde zuletzt darüber rege und nahm so überhand, dass man beschloss, die Hexe am anderen Tag zu Tode zu steinigen. Aber als ob die es hätte dazu kommen lassen! Genauso wie Medea in einer vom Kreon ihr zugestandenen Tagesfrist Palast samt Tochter und Vater mittels eines Kranzes zu Asche verbrannte, ebenso hat auch diese in einer einzigen Nacht (wie sie in einem Rausch es mir neulich selbst erzählt) mittels fürchterlicher, in Gräbern angestellter Beschwörungen, alle Einwohner der Stadt komplett so fest in ihre Häuser hineingebannt, dass sie ganze zwei Tage weder Schlösser aufbrechen noch Tür und Fenster ausheben noch auch durch Mauern und Wände sich Öffnungen machen konnten; bis sie sich endlich alle bequemten und einstimmig schworen und auf das Heiligste sich verpflichteten, nicht allein selbst nicht Hand an sie zu legen, sondern sie auch gegen jedermann, der etwas gegen sie unternehmen würde, zu verteidigen und zu schützen. Damit zufrieden, hat sie sofort die ganze Stadt wieder entzaubert. Aber den Urheber des gegen sie gefassten Anschlags hat sie bei stockfinsterer Nacht samt dem ganzen Haus (das heißt Gemäuer, Grund und Boden), so verschlossen wie es war, hundert Meilen weit weg in eine Stadt hingetragen, die auf der Spitze eines so hohen Berges gelegen ist, dass beinahe gar kein Wasser da ist. Weil aber da die Gebäude der Einwohner so dicht aneinander standen, dass für den neuen Ankömmling kein Platz mehr übrig war, so hat sie das Haus nur vor das Stadttor hingeworfen und ist dann wieder heimgegangen.‹ 


›Nein, lieber Sokrates,‹ schrie ich, ›das ist krass, das ist unglaublich! Nun bin ich gleichfalls ängstlich und bange und mir schlägt das Herz vor Furcht im Leib, dass deine Alte diese unsere Gespräche nicht auch durch Hilfe eines Geistes wieder erfährt. Lass uns also nur früh Schluss machen, damit wir bald ausschlafen und uns morgen mit dem Allerfrühesten aus dem Staub machen können!‹ 


Ich hatte dies noch nicht ausgeredet, so war der gute Sokrates, weil er des Weins ungewohnt und vom Tag her müde war, schon eingeschlummert und schnarchte überlaut. Ich klemme also schnell die Tür zu, schiebe die Riegel richtig fest vor, stelle auch noch zur größeren Sicherheit mein Bett ganz dicht gegen die Angeln und werfe mich hinauf. Die Furcht hielt mich erst eine lange Weile wach; endlich, um Mitternacht, fallen mir die Augen allmählich zu. Kaum war ich richtig eingeschlafen, so wird auch mit einem Mal mit größerem Ungestüm, als sich von Dieben erwarten lässt, die Tür geöffnet oder vielmehr gesprengt, und ruckzuck über den Haufen gerannt, dass die Angeln in Stücken zu Boden fallen. Mein Bett, sowieso klein, dreibeinig und morsch, fliegt herum und bleibt, da ich herausgepurzelt war, umgestürzt über mir stehen. Da erfuhr ich, dass manche Gefühle sich von Natur auf widersprechende Art äußern. Denn wie man oft vor Freude Tränen vergießt, so konnte ich mich auch jetzt bei meinem großen Schrecken des Lachens nicht erwehren, da ich so aus Aristomenes zu einer Schildkröte geworden war. 


Wie ich aber auf der Erde unter meinem Bett hervorspähe, was es denn gibt, so sehe ich zwei ziemlich betagte Mütterchen. Eine trägt eine helle Leuchte; einen Schwamm und einen blanken Dolch die andere. In dem Aufzug stehen beide am Bett des Sokrates, der in tiefem Schlaf lag. Die mit dem Dolch fängt an: ›Hier, Schwester Panthia, hier siehst du meinen teuren Endymion, meinen Ganymed, der so Tag als Nacht meine Schwäche missbraucht hat, und der nun meine Liebe mit Füßen tritt, meinen guten Namen schändet und mich für immer fliehen will. Aber dass ich mich doch von diesem arglistigen Odysseus hintergehen ließ und wie eine zweite Kalypso um ihn in ewiger Sehnsucht und Einsamkeit weinte! Mag währenddessen,‹ fuhr sie fort, mit ausgestreckter Rechten der Panthia mich zeigend, ›sein feiner Ratgeber da, Aristomenes, der ihm die Flucht in den Kopf gesetzt hat, jetzt aber, dem Tod nahe, der Länge nach unter dem Bett ausgestreckt liegt und hier nach uns schielt, mag er doch immerhin glauben, überall meine Schmach auszuposaunen; er soll mir schon über kurz oder lang, vielleicht nur allzu bald, ja wohl gar noch jetzt, in diesem Augenblick, all seine angebrachten Spöttereien sowie seine gegenwärtige Frechheit schmerzlich genug bereuen!‹ 

Als ich das hörte, brach mir der kalte Angstschweiß aus, und ich zitterte und bebte so unter meinem Bett, dass es auch nicht eine Minute ruhig stehen blieb, sondern unaufhörlich wie eine Stampfmühle schütterte und pochte. 


›Na,‹ sprach Panthia, ›warum kühlen wir denn nicht also unseren Mut an dem zuerst? Lass uns ihn, Schwester, wie Bacchantinnen in Stücke zerreißen oder binden und kastrieren!‹ 

›Keines von beiden!‹ erwiderte Meroe (denn ich merkte an allem, dass es die war, von der Sokrates mir erzählt hatte), ›er muss am Leben bleiben, um den Leib dieses Armseligen in ein wenig Sand zu verscharren.‹ 


Hiermit dreht sie den Kopf des Sokrates auf die Seite, versenkt ihm den Dolch bis an das Heft in die Gurgel und fängt das hervorspritzende Blut so geschickt und sorgfältig in einem Schlauch auf, dass auch kein Tröpfchen danebenkommt. Das haben diese meine Augen gesehen. Nun fährt sie – um keinen von den Opferbräuchen aus der Acht zu lassen, wie mir scheint – mit der rechten Hand durch die Wunde bis zu den Eingeweiden hinunter, sucht darin herum und bringt dann das Herz meines armen Kameraden zum Vorschein, während er aus abgeschnittener Kehle laut röchelt und seinen Geist mit dem strömenden Blut aufgibt. Panthia aber stopft die Wunde, wo sie am weitesten auseinandersteht, mit einem Schwamm zu und murmelt dabei: ›Schwamm, Schwamm, im Meer geboren, geh im Fluss verloren!‹ 

Dies getan, so schieben sie das Bett von mir hinweg, treten mit auseinandergespreizten Beinen über mich hin, und jetzt pinkeln sie so lange auf mich herab, bis sie mich durchaus in den widerlichsten Urin eingeweicht haben. Kaum verließen sie die Schwelle, so erhebt sich die Tür wieder und kehrt an ihren Ort zurück, die Angeln springen wieder in ihre Pfannen ein, die Haken eilen den Pfosten zu und die Riegel schieben sich von selbst wieder vor. Ich aber bleibe, wie ich war, am Boden hingestreckt liegen, atemlos, splitternackt, eiskalt und nicht weniger benetzt, als ob ich eben erst aus Mutterleib gekrochen wäre; da ich doch fast halb ausgelebt, ja mich selber schon ganz überlebt hatte und mit allem Recht als ein Pseudo-Ich, wenigstens als ein wohlbestallter Galgenvogel anzusehen war. 


›Was wird aus dir werden,‹ sprach ich bei mir selbst, ›wenn man am Morgen den erwürgt im Bett finden wird? Wem wirst du nicht der Wahrheit zum Trotz ein Lügner scheinen? Du hättest ja nur um Hilfe rufen müssen, wird man sagen, wenn du feige Memme dich vor einem alten Weib fürchtest! Vor deinen Augen einen Menschen ermorden sehen und schweigen? Warum hat man dich nicht auch auf den Kopf geschlagen? Warum hätte denn die Mordlust der Hexe den Augenzeugen ihres Frevels verschont, von dem sie ja fürchten musste, dass er sie verraten würde? Immer hin mit dir zum Tod, dem du so entronnen bist!‹ 


Ich überlegte das hin und her, währenddessen ging die Nacht zum Tag über. Am klügsten schien mir's da, mich noch in der Dämmerung fortzumachen und so schnell und so weit zu rennen, als die Füße nur laufen wollten. Ich nehme also mein Bündel auf den Buckel, schließe die Stubentür auf, allerdings erst nach viel Mühe und Not, denn das verflixte Schloss, das nachts von freien Stücken aufgesprungen war, ließ sich jetzt lange stören und rütteln, ehe es auf wollte, und gehe und rufe den Hausknecht. 


›He,‹ schreie ich, ›wo bist du? Mach das Tor auf, ich will fort!‹ 


Er lag gleich hinter der Haustür auf einer Streu; noch halb im Schlaf, gab er mir zur Antwort: 

›Äh, wisst ihr denn nicht, die Straßen sind jetzt wegen der Spitzbuben so unsicher! Wo wollt ihr denn noch bei Nacht hin? Rennt doch dem Tod nicht in den Rachen! Oder treibt euch etwa ein böses Gewissen dazu? Na, so dumm sind wir doch nicht, dass wir uns euretwegen sollten totschlagen lassen!‹ 


›Es ist ja nicht mehr weit vom Tag,‹ erwiderte ich, ›und was können mir blutarmem Mann auch die Räuber stehlen? Weißt du nicht, Narr, dass selbst zehn Banditen einen Nackten nicht ausplündern können?‹ 


Ohne sich aufzurichten, warf er sich auf die andere Seite herum und sagte: ›Ach, woher weiß ich auch, ob ihr nicht gar euren Reisegefährten, mit dem ihr gestern so spät hierhergekommen seid, umgebracht habt und euch nun durch die Flucht retten wollt!‹ 


Ich glaube nicht anders, als es tut sich in dem Augenblick die Erde unter mir auf, und ich sehe aus dem innersten Tartarus hervor den Cerberus heißhungrig auf mich zufahren. 

Jetzt kam es mir erst zu Bewusstsein, dass die ehrliche Meroe keineswegs aus Barmherzigkeit meiner Kehle geschont, sondern vielmehr aus Grausamkeit mich für den Galgen aufgespart hatte. 


Sobald ich also in die Stube zurückgekehrt war, überlegte ich schnell, wie ich mir das Leben nehmen wollte. Da jedoch kein anderes tödliches Werkzeug zu finden war, als was mein Bett mir darbot, so wende ich mich zu demselben mit diesen Worten: 


›Herzliebes Bett, das so viel Ungemach mit mir erlitten hat; du, das alles mit angesehen hast, was diese Nacht hier vorgegangen ist; du, der einzige Zeuge, den ich für meine Unschuld anrufen kann: oh leihe mir zu meiner Reise in die Unterwelt gefälligen Beistand!‹ 

Während der Anrede knüpfe ich den Strick los, womit es zusammengeschnürt war, werfe das eine Ende davon um einen Balken, der oben über das Fenster hervorragte, und befestige es daran, und an dem anderen mache ich eine Schlinge. Nun steige ich auf mein Bett in die Höhe, um mich zu erhängen, und streife mir die Schlinge über den Kopf. 


Wie ich jetzt aber mit dem Fuß meine Stütze unter mir wegstoße, um durch mein Gewicht im Herabfallen mir den Knoten um die Kehle desto fester zuzuziehen, so zerreißt mit einem Mal der alte verrottete Strick, und ich stürze auf den Sokrates, der dicht neben mir lag, so heftig hin, dass wir uns beide überkollern und zusammen auf die Erde hinabrollen. 


Und siehe, in demselben Augenblick reißt auch der Hausknecht die Tür auf und schnauzt herein: ›Wo seid ihr denn nun, der bei stockfinsterer Nacht so über die Maßen forteilen wollte? Ihr seid ja wohl gar wieder in das Bett gekrochen? ‹ 


Nun weiß ich nicht, war's über unseren Fall oder über das überlaute Geschrei dieses Kerls, genug damit, so erwacht mein Sokrates und rafft sich zuerst auf. 

›Wirklich! ‹ sprach er, »die Reisenden haben auch recht, dass sie so über das ungehobelte Hausknechtsgesindel schimpfen. Was muss nun der Grobian da um jetzige Zeit seinen Rüssel zur Tür hereinstecken und so zahnbrecherisch schreien, dass er mich armen Ausgemergelten aus meinem allertiefsten Schlaf aufweckt? Er hat bestimmt Lust, uns was zu klauen.‹ 


Sofort springe ich munter und lustig auf, kein kleiner Stein fiel mir vom Herzen. Begeistert von höchst unerwarteter Freude, rufe ich: ›Na, da sieh mal, du superschlauer Hausknecht, ist er wohl ermordet, mein treuer Reisegefährte, mein Bruder, mein Vater? Schau, ist er ermordet, wie du's mir vorher in deiner Dösigkeit schuld gabst?‹ Und mit den Worten falle ich dem Sokrates um den Hals und herze und küsse ihn. Aber der Gestank, den die alten Hexen über mich gegossen hatten, stieg ihm nicht so bald in die Nase, als er mich zurückstieß: ›Oh bleib mir vom Leib, riechst du doch wie ein alter Nachttopf! ‹ Und lachend wollte er nun die Ursache dieses angenehmen Duftes erforschen. Aber ich wich ihm durch einen aus dem Stegreif erdichteten Scherz aus, nehme ihn beim Arm und sage: ›Warum gehen wir denn nun nicht und nutzen uns den Morgen?‹ 


Ich packe sofort meinen Rucksack, bezahle dem Hausknecht das Nachtlager, und wir machen uns auf den Weg. 


Wir waren schon ziemlich weit vorwärts, als erst die Sonne aufging und es hell wurde. Nun betrachtete ich mir mit unruhiger Neugier die Kehle meines Reisegefährten, besonders auf der Seite, wo ich den Dolch hatte hineinsinken sehen. 


›Blöder Mensch,‹ sprach ich endlich bei mir selbst, ›was du auch in deinem Rausch nicht alles für tolles Zeug geträumt hast! Sieh nur, Sokrates ist ja frisch und gesund. Wo hat er wohl eine Wunde? Wo den Schwamm? Wo endlich die große frische Narbe?‹ 


Darauf wandte ich mich zu meinem Begleiter: ›Die Ärzte haben doch wirklich nicht unrecht,‹ sprach ich, ›wenn sie der Meinung sind, dass das übermäßige Fressen und Saufen schwere Träume macht; denn ich habe diese ganze Nacht, weil ich gestern abend ein bisschen zu tief ins Glas geguckt habe, so entsetzliche Gesichte und Erscheinungen gehabt, dass ich mir noch immer von Menschenblut zu triefen scheine.‹ 


›Von Menschenblut?‹ erwiderte er lächelnd, ›ich hätte eher auf etwas anderes getippt! Aber auch ich habe geträumt, ich würde erwürgt. Ich fühlte an der Kehle große Schmerzen, und es war mir auch, als würde mir das Herz aus dem Leib gerissen. Selbst jetzt kann ich noch keinen Atem kriegen, und die Knie werden unter mir so schwach, dass ich hin und her wanke. Ich möchte gern etwas zu essen haben, um mich wieder zu stärken.‹ 


›Geduld,‹ sprach ich, ›es soll sofort ein Frühstück für dich fertig sein!‹ 


Mit dem werfe ich meinen Ranzen von der Schulter und reiche ihm ein Stück Brot und Käse hin: ›Komm,‹ sage ich, ›lass uns dazu unter der Platane dort hinsetzen.‹ – Das geschieht, und ich nehme mir mein Teil auch. 


Während wir nun so sitzen und es uns schmecken lassen, werde ich plötzlich gewahr, dass dem Sokrates, bei der größten Geschäftigkeit seiner Kinnbacken, die Augen brechen, und dass er bleich und blass wie ein Tuch wird. Bald hatte er so sehr das Aussehen einer Leiche, dass alle meine nächtlichen Schreckbilder sich von neuem meiner Vorstellung bemächtigten und vor Entsetzen mir der Bissen im Mund erstarrte. Was meine Furcht noch vermehrte, waren die vielen Leute, die vorübergingen. Was hätten sie anders denken können, als dass ich meinen Reisegefährten ermordet hatte. 


Doch als Sokrates seinen Appetit gestillt hatte, so bekam er einen gewaltigen Durst; denn von dem besten Käse hatte er ein gutes Stück zu sich genommen. An der Platane, unter der wir saßen, floss ganz nahe ein kleines kristallklares Flüsschen so langsam und ruhig vorbei, dass es fast für ein stehendes Gewässer anzusehen war. 


›Sieh,‹ sage ich also zu ihm, ›da kannst du ja aus der schönen reinen Quelle deinen Durst löschen!‹ 


Er steht auf, schlägt seinen Mantel zurück, und wo das Ufer am flachsten ist, kniet er nieder, hält sich fest mit den Händen, und mit langem, vorwärts hinabgebeugtem Hals sucht er einen frischen Trunk zu schöpfen. Aber er hat seine Lippen noch nicht richtig nass gemacht; so bricht die Wunde in der Kehle, so groß und tief sie gemacht worden war, auf, und der Schwamm fällt in den Fluss, von wenigen Blutstropfen begleitet. Fast wäre der ganze Körper in das Wasser gesunken, hätte ich ihn nicht bei einem Bein gefasst und mit knapper Not aufs Ufer gezogen. Nachdem ich meinen armen Reisegefährten angemessen bitterlich beweint und für immer in der Nachbarschaft des Flusses in den Sand verscharrt hatte, floh ich ängstlich und zitternd durch abgelegene, unwegsame Einöden davon, und nicht anders, als wäre ich eines Menschenmords schuldig, verließ ich Vaterland und Haus und Hof und ging freiwillig ins Elend. Jetzt bin ich nun wieder verheiratet und in Ätolien ansässig.‹ 


Soweit Aristomenes. 


Sein Begleiter, der sich gleich von Anfang ungläubig gegen diese Geschichte gezeigt hatte, sprach: »Ich bleibe dabei, das ist die verrückteste aller Fabeln, die dümmste Lüge, die es nur gibt! Und sag er mir nur, Herr,« wandte er sich zu mir, »er ist doch nun der Kleidung und dem Aussehen nach ein anständiger Mann, mag er denn in aller Welt so ein Märchen glauben?« 

»Ich meinesteils,« gebe ich ihm zur Antwort, »ich halte nichts für unmöglich, sondern bin der Meinung, dass, was das Schicksal nur fügt, alles den Sterblichen auch begegnet. Es widerfahren uns ja, mir sowohl als euch und allen übrigen Menschen, so manche wundersame und fast unglaubliche Dinge, die, wenn wir sie einem Fremden wiedererzählten, bestimmt nicht den mindesten Glauben finden würden! Daher glaube ich, bei Herkules! die herrliche Erzählung, womit uns Aristomenes so angenehm unterhalten hat, nicht allein vom Anfang bis zum Ende vollkommen, sondern ich weiß ihm auch den herzlichsten Dank dafür! Bin ich doch darüber weder der Länge noch der Rauheit des Weges gewahr geworden. Auch mein Gaul hat sich gut dabei gemacht; da ich so ohne Beschwerde seines Rückens auf dem Vergnügen meiner Ohren bis vor das Tor dieser Stadt hergeritten bin.« Hier hatte mit unserem Gespräch auch der gemeinsame Weg ein Ende, denn meine beiden Reisegefährten gingen links ab nach benachbarten Dörfern, und ich in die Stadt hinein. 


Vor dem ersten Wirtshaus, das ich antraf, halte ich an und frage die Gastwirtin, die schon älter war: »Bin ich hier richtig? Heißt die Stadt Hypata?« 


Sie nickte. 


»Kennt ihr nicht einen gewissen Milo, einen von den Ersten in der Stadt?« 


Sie lachte. 


»Oh,« sprach sie, »Milo kann mit gutem Recht der Allererste hier heißen; da er am Stadtrand gleich zu Anfang der Stadt wohnt.« 


»Scherz beiseite,« erwiderte ich, »sagt mir doch, ich bitte euch, gute Mutter, wer er ist und in welchem Haus er wohnt.« 


»Sehen Sie da ganz unten nicht die Fenster,« sprach sie, »die zur Stadt hinausgehen? Und auf der anderen Seite die Tür dem kleinen nahen Gässchen gegenüber? Dort wohnt der Milo, ein steinreicher, überaus wohlhabender Mann, der aber bei aller Welt als der abscheulichste, schmutzigste Geizhals verschrien ist. Kurz, er leiht immer auf Gold- und Silber-Pfänder gegen fette Zinsen, steckt wie eingesperrt in seiner Hütte und brütet da über dem Geldkasten, und obwohl er eine Frau zur Mitgenossin seines kümmerlichen Lebens hat, so hält er doch nur eine einzige Magd und zieht nicht ein bisschen anders einher als ein Bettler.« 


Ich lache darauf in meinem Herzen und denke beim Weiterreiten: »Da hat ja Freund Demeas super gut und gütig für dich gesorgt, dass er dich auf deiner Reise einem solchen Mann empfohlen hat, in dessen Haus du weder von Rauch noch von Küchendampf wirst belästigt werden!« Hiermit gelange ich nach einem kurzen Weg vor die Tür, die ich fest verriegelt fand. Ich musste lange anklopfen und »Hallo« rufen. 

Endlich kommt die Magd heraus. 


»He,« sprach sie, »wer pocht denn? Worauf wollen Sie borgen, mein Herr? Es wird Ihnen nicht unbekannt sein, dass hier keine anderen Pfänder als Gold und Silber angenommen werden.« 

»Ich komme in ganz anderer Absicht, mein Kind!« erwiderte ich, »sag sie mir nur, finde ich ihren Herrn zu Hause?« 


»Oh ja,« sprach sie; »warum?« 


»Ich habe Briefe vom Demeas aus Korinth an ihn abzugeben.« 


»So warten Sie nur ein wenig, ich will Sie melden.« 


Mit den Worten geht sie wieder hinein und riegelt hinter sich zu. 


Bald erscheint sie wieder, macht mir die Tür auf und sagt: »Sie möchten doch so gut sein und hereinkommen!« 


Ich tu's und finde den Milo eben bei Tisch. Er lag auf einem kleinen Bettchen und seine Frau saß ihm zu Füßen. Er zeigte auf die vor ihm stehende leere Schüssel und sprach: »Sie sind mir hierauf freundlich willkommen!« 


Ich dankte und überreichte ihm sofort den Brief des Demeas. Als er ihn schnell durchgelesen hatte, sagte er: »Ich bin meinem Freund außerordentlich viel Dank schuldig, dass er die Güte hat, mir einen so vornehmen Gast zuzuweisen.« 


Darauf lässt er seine Frau aufstehen und nötigt mich, ihren Platz einzunehmen. Da ich aber aus Höflichkeit mich weigerte, es zu tun, so zog er mich beim Kleid zu sich und fügte hinzu: »Machen Sie doch keine Umstände und lassen Sie sich nieder; denn wir haben hier weiter keine Stühle noch anderes Zeug, weil wir uns vor den Dieben nichts anschaffen dürfen.« 


Ich setzte mich also. 


»Ich würde Sie,« nahm er das Wort wieder, »schon an ihrem feinen Wesen und an ihrer einnehmenden Bescheidenheit für einen Mann von Stand erkennen, wenn auch mein Freund Demeas nichts davon in seinem Brief erwähnt hätte. Umso mehr muss ich Sie aber ersuchen, unser kleines enges Häuschen nicht zu verschmähen. Es soll Ihnen hier in dem Nebenzimmerchen an keiner anständigen Bequemlichkeit fehlen. Nehmen Sie nur gütigst bei uns vorlieb. Sie werden dadurch nicht allein uns eine große Ehre erweisen, sondern zugleich dem ruhmvollen Beispiel des Namensverwandten Ihres Vaters, des Theseus, folgen, der es vormals auch für keine Schande gehalten hat, unter dem niederen Dach der alten Hekale zu übernachten.« 


Und nachdem er das Mädchen gerufen hatte, sagt er zu ihr: »Fotis, pack den Mantelsack des Herrn ab und trag ihn hier in das Zimmer daneben. Hol auch schnell aus der Vorratskammer Öl und Badezeug und bring dann meinen Gast in das nächste Bad; er wird von seiner weiten, beschwerlichen Reise müde sein.« 


Als ich das hörte, dachte ich schnell an den Charakter und die Knauserigkeit des Milo und suchte mich bei ihm in Gunst zu setzen, indem ich sagte: »Oh, dessen bedarf ich alles nicht; ich pflege es auf Reisen ständig selbst mit mir zu führen, und nach dem Bad will ich mich auch schon allein zurechtfinden. Willst du mir aber einen Gefallen tun, Fotis, so sei so gut und nimm hier dies Geld und kauf mir dafür Heu und Gerste für mein Pferd, mit dem ich heute einen tüchtigen Ritt getan habe.« 


Sobald nachher der Mantelsack auf meinem Zimmer war, gehe ich zum Bad, nehme aber meinen Weg über den Markt, um mich erst mit etwas Mundvorrat zu versorgen. Ich finde da herrliche Fische zum Verkauf, nur forderte man 100 Nummen dafür; ich handelte und bekomme sie noch für 20 Denar. Eben war ich vom Markt wieder herunter, so sah ich einen alten Schulkameraden von mir aus Athen, den Pytheas, hinter mir herkommen. 


Er erkannte mich auch ziemlich bald wieder, kam freundlich auf mich zu und umarmte und küsste mich sehr herzlich: »Ach, lieber Lucius,« rief er, »haben wir uns doch so lange nicht gesehen! Bei Herkules! Seitdem wir aus der Schule sind, nicht wieder! Nun, wie kommst du einmal hierher?« 


»Das sollst du morgen erfahren,« erwiderte ich. »Aber was sehe ich? Oh, viel Glück zu den Liktoren, den Fasces und dem ganzen Magistratszeug!« 


»Ich bin hier Proviantverwalter,« antwortete er, »und Ädil, und wenn du was einzukaufen hast, so kann ich dir nützlich sein.« 


Ich bedankte mich, weil ich an meinen Fischen schon genug hatte. Aber ihm fiel mein Einkauf in die Augen. Er bückt sich danach herunter, schüttelt ihn herum, um ihn besser zu betrachten, und fragt mich: »Wieviel hast du für den Schund gegeben?« 


»Mit knapper Not,« gebe ich zur Antwort, »hat mir ihn der Fischer noch für 20 Denar gelassen.« 


Als er das hörte, nahm er mich bei der Hand und führte mich schnurstracks wieder auf den Markt zurück. 


»Von wem,« sprach er da, »hast du den Mist gekauft?« 


Ich zeige ihm meinen Mann, der auf einer Ecke verkaufte. Sofort fährt er demselben mit schriller Stimme in völligem Amtseifer auf den Hals. 


»Nun,« sprach er, »nun schont ihr auch keinen Freund mehr, geschweige einen Fremden! Ist das wohl erlaubt, die Leute so unverschämt abzuzocken und für solch elendes Zeug von Fischen so viel zu fordern? Wollt ihr denn mit eurer gottlosen Überteuerung der Lebensmittel Thessaliens blühendste Stadt durchaus so öde wie einen Fels oder eine Sandwüste machen? Aber das soll euch nicht ungestraft hingehen! Ich will euch zeigen, wie man Gauner, wie ihr seid, in meinem Amt züchtigen kann.« 


Damit schüttet er alle meine Fische mitten auf die Gasse hin, und ein Scherge muss sich hinstellen und sie mit Füßen treten. Nach dieser verübten beispielhaften Strenge wendet sich Freund Pytheas, höchst mit sich selbst zufrieden, wieder zu mir. 


»Jetzt,« sprach er, »halte ich dich nicht länger auf, lieber Lucius, lass dich von nichts abhalten, die öffentliche Beschimpfung dieses Betrügers ist mir nun schon genug.« 


Ganz bestürzt und erstaunt über dieses hochweise Verfahren meines gelehrten Herrn Mitschülers, welches mich so um mein Geld und meine Mahlzeit brachte, ging ich hierauf in das Bad und von da wieder zu Milos Wohnung, in mein Zimmer. Sofort kam Fotis, mich zum Essen zu rufen. Weil ich aber die Sparsamkeit ihrer Herrschaft schon kannte, so ließ ich mich sehr höflich entschuldigen: ich wäre von meiner Reise mehr müde als hungrig. Auf dieses Kompliment kommt Milo selber, mich zu holen. 


Er nötigt mich aufs Dringendste und reißt mir ganz, wie man zu sagen pflegt, den Ärmel aus, mitzukommen; da ich mich aber immer mit großer Bescheidenheit weigere und es durchaus nicht tun will, so sagt er endlich: »Ich weiche und wanke nicht eher von Ihnen, bis Sie mich begleiten!« und bekräftigt dies noch mit einem großen Schwur. So ungern ich's auch tat, musste ich nun doch schon nachgeben. Ich gehe also mit zu ihm hinüber. 


Wir setzen uns aufs Bett, und sogleich fängt er an: »Nun, wie befindet sich denn unser Demeas? Wie geht's seiner Frau? Was machen seine Kinder? Wie steht's um sein Gesinde?« 

Ich gebe ihm von allem und jedem ausführlichen Bericht. Hierauf geht's ans Fragen: warum, in welcher Absicht, auf wie lange und wohin ich denn eigentlich diese Reise unternommen hätte? Als ich ihm auch dies alles treulich beantwortet hatte, so nimmt er mich über mein Vaterland ins Verhör; erkundigt sich nach allen darin angesehenen Familien aufs Genaueste, und wie wir damit fertig sind, muss endlich auch sogar der Statthalter einiges abbekommen. 

Kurz, er trieb das Ding so lange, bis er sah, dass mich die Müdigkeit von meiner Reise und seinem ewigen Gespräch ganz geschafft hatte, dass ich mitten in der Rede vor Schlaf stockte und stotterte und stammelte und gar nicht mehr wusste, was ich sprach, dann fing er an: »Ach wirklich, sind Sie doch auch so müde von Ihrer Reise, dass Sie nicht einmal mehr das Essen abwarten können! Das tut mir ja leid, aber zwingen Sie sich meinetwegen nicht. Machen Sie keine Umstände, gehen Sie, gehen Sie immer und legen Sie sich aufs Ohr.« 

Damit entließ er mich, und froh, dass ich nur des filzigen Alten Geplapper- und Hungermahl entkam, taumelte ich voller Schlaf, aber mit leerem Magen (denn kahle Gespräche machen nicht satt) auf mein Zimmer zurück und ergab mich der sehnlich erwünschten Ruhe.