The Goat auf Talahon. Abgedrehter als das Original, Comedy statt Tragödie. Anders als reine Verballhornungen macht dieser Text erstaunlich zugänglich, was auch immer Goethe sich bei Faust II gedacht haben mag.
ZUR SOZIOLINGUISTISCHEN SITUIERUNG DER TEXTADAPTION IM SPANNUNGSFELD POSTMIGRANTISCHER SPRACHPRAXIS UND KANONISCHER TRADITIONSBESTÄNDE
Die vorliegende Bearbeitung des zweiten Teils der Goetheschen Tragödie bedarf einer kontextualisierenden Rahmung, die über das bloße Konstatieren einer »Übersetzung« hinausgeht und stattdessen die epistemologischen, soziolinguistischen sowie kulturtheoretischen Implikationen des hier vollzogenen Transferprozesses in ihrer ganzen Tragweite zu entfalten sucht, ohne dabei – und dies sei bereits an dieser Stelle mit Nachdruck betont – in jenen Gestus der hermeneutischen Selbstgenügsamkeit zu verfallen, der den geisteswissenschaftlichen Diskurs seit der sogenannten kulturalistischen Wende bisweilen mehr beschädigt als bereichert hat, wenngleich die Frage, ob eine solche Beschädigung nicht ihrerseits als produktive Irritation im Sinne der Luhmannschen Systemtheorie zu reformulieren wäre, hier bewusst in der Schwebe gehalten werden soll.
Was sich dem unbefangenen Leser als komödiantische Verfremdung eines kanonischen Textes darbieten mag, erweist sich bei näherer Betrachtung – und eine solche Betrachtung ist, wie Habermas im Kontext seiner Theorie des kommunikativen Handelns überzeugend dargelegt hat, stets an die Voraussetzung eines herrschaftsfreien Diskurses gebunden, dessen kontrafaktische Idealität gleichwohl als regulatives Prinzip unverzichtbar bleibt – als ein Akt der translingualen Resignifikation, der die Frage nach der Verfügungsgewalt über kulturelle Artefakte in einer postmigrantischen Gesellschaft mit einer Dringlichkeit aufwirft, die weit über das Anekdotische hinausgeht.
Der hier zur Anwendung gebrachte Soziolekt, dessen Bezeichnung als »Talahon-Deutsch« bereits eine diskursive Vereindeutigung darstellt, die der tatsächlichen fluiden Heterogenität multiethnolektaler Sprachpraktiken im urbanen Raum nur bedingt gerecht wird, konstituiert sich, folgt man den bahnbrechenden Arbeiten Wieses (2012) zur Kiezdeutsch-Forschung, als ein eigenständiges, regelgeleitetes Register, das keineswegs – und diese Klarstellung erscheint angesichts der nach wie vor virulenten sprachideologischen Abwertungsmechanismen unabdingbar – als defizitäre Abweichung von einer imaginären hochsprachlichen Norm zu begreifen ist, sondern vielmehr als Ausdruck jener kreativen Hybridisierungsprozesse, die Homi K. Bhabha in seiner Konzeptualisierung des »Dritten Raumes« als konstitutiv für postkoloniale Subjektivierungsweisen herausgearbeitet hat, wobei die Übertragbarkeit Bhabhascher Kategorien auf den bundesrepublikanischen Kontext – dies sei der intellektuellen Redlichkeit halber angemerkt – selbst wiederum einer kritischen Prüfung zu unterziehen wäre, die den Rahmen dieser editorischen Notiz jedoch sprengen würde.
Die Entscheidung, Goethes zweiten Faust in besagtes Register zu transponieren, ist mithin nicht als bloßer Jux zu verstehen – obschon der Jux, sofern man ihn mit Bachtin als karnevaleske Inversion hegemonialer Sinnordnungen begreift, durchaus seinen systematischen Ort innerhalb einer Theorie kultureller Produktion beanspruchen darf –, sondern als ein Experiment an der Schnittstelle von Kanonkritik, soziolinguistischer Feldforschung und performativer Hermeneutik. Der kanonische Text wird nicht vernichtet, sondern, im Hegelschen Sinne, aufgehoben, partiell negiert in seiner sprachlichen Oberflächengestalt, bewahrt in seinem semantischen Kern, und auf eine höhere Ebene der gesellschaftlichen Reflexivität gehoben, auf der die Frage, wem der Kanon eigentlich gehört, nicht mehr als Provokation, sondern als genuine Forschungsfrage behandelt werden kann.
Besondere Aufmerksamkeit verdient in diesem Zusammenhang die Beobachtung, dass die im Talahon-Register operierenden Sprachsubjekte – die Figuren also, sofern man bereit ist, ihnen den Status intersubjektiv adressierbarer Kommunikationspartner im Sinne der Diskursethik zuzubilligen – keineswegs eine Reduktion des Goetheschen Bedeutungsüberschusses vornehmen, sondern vielmehr eine Umcodierung, die ihrerseits neue Bedeutungsschichten freisetzt. Wenn Mephisto »Akkurat« sagt, wo Goethe zwölf Verse benötigt, so ist dies keine Verarmung, sondern eine Verdichtung, die – und hier sei auf Adornos Minima Moralia verwiesen, in denen die Möglichkeit des Denkens in Aphorismen als Widerstand gegen die Totalität des falschen Ganzen ausgewiesen wird – möglicherweise dem Gegenstand angemessener ist als die diskursive Entfaltung, die sich ihrer eigenen Prämissen nie ganz versichern kann.
Es wäre indes verfehlt, den hier vollzogenen Sprachakt als eine einseitige Demokratisierung des Kanons zu feiern, ohne zugleich die inhärenten Aporien eines solchen Projekts mitzureflektieren. Denn die Appropriation des hochkulturellen Textes durch ein als subaltern markiertes Register reproduziert, so ließe sich mit Spivak einwenden, möglicherweise genau jene binäre Logik von »oben« und »unten«, die zu überwinden sie vorgibt. Andererseits – und hier wird die Dialektik des Unternehmens in ihrer vollen Schärfe sichtbar – ist es gerade die ostentative Verweigerung jener elaborierten Codestruktur, die den bürgerlichen Bildungsdiskurs seit der Sattelzeit charakterisiert, welche die stillschweigenden Exklusionsmechanismen eben dieses Diskurses allererst sichtbar macht.
Dass die vorliegende Notiz selbst in jenem Register verfasst ist, dessen implizite Gewalt sie zu analysieren beansprucht, stellt keine Inkonsistenz dar, sondern, im Gegenteil, den performativen Beweis ihrer eigenen These: dass nämlich jede Sprache, auch und gerade die akademische, ein System des Ein- und Ausschlusses konstituiert, dessen normative Voraussetzungen nur um den Preis der Selbsttäuschung unsichtbar gemacht werden können. Wer diese Notiz nicht versteht, dem sei versichert, dass dieses Nichtverstehen strukturell exakt jenem Nichtverstehen korrespondiert, das der Leser des Talahon-Textes möglicherweise empfindet – mit dem einzigen Unterschied, dass das eine Nichtverstehen gesellschaftlich sanktioniert, das andere hingegen als Bildungsdefizit pathologisiert wird.
Abschließend sei darauf hingewiesen, dass der Herausgeber sich der Ironie bewusst ist, dass eine Fußnote dieses Umfangs und dieser syntaktischen Komplexität zu einem Text, dessen poetologisches Grundprinzip in der radikalen Verknappung besteht, ihrerseits als Kommentar auf die Unverhältnismäßigkeit akademischer Diskursproduktion gelesen werden kann und, so die stille Hoffnung, auch gelesen werden wird. Die Möglichkeit, dass dieser gesamte Paratext als elaborierter Witz fungiert, der die Sprache der Wissenschaft mit denselben Mitteln entlarvt, mit denen der Haupttext die Sprache der Klassik entlarvt, sei dem Leser als hermeneutische Option ausdrücklich anheimgestellt.
DER GOAT
1749 geht's los für Jay Wee Goat. Daddy hat nie geschuftet, einfach so von Para gelebt und von Bücher in Bücherei von sich. Mum ist krass. Teeny bei Hochzeit, aber Mann achtunddreißig. Goat lernt Latein, Griechisch, Französisch, Italienisch, Hebräisch – mehr Sprachen als wir so Probleme haben. Mit sechzehn schicken die ihn Leipzig für Jura. Hat null Bock. Hängt in Bars ab, wird krank. Macht Polnischen nach Straßburg. Trifft Jay G. Harder. Und der so: Alta, vergiss Regeln, schreib wie du fühlst. Und Goat so: Akkurat.
Zu Hause in Frankfurt schlachten die grad ne Frau wegen Kind gekillt. Goat hackt sich in Polizei-Account, kriegt Idee: Urfaust mit Cutie, wo Mörder ist. Muss aber erstmal in Schrank wegen dirty talk und nicht korrekt fertig. Dafür knallt er Werther raus. Teil über Typen, der komplett delulu ist und wegen ner Ische sich umbringt. Europa dreht durch. Alle kopieren den Werther-Drip: gelbe Weste, blauer Rock.
Mit sechsundzwanzig zieht er Weimar. Wird Minister. Hustlet crazy durch Straßen, macht was mit Bergwerke und Theater. Kriegt Para ohne Ende. Aber Faust bleibt Schublade. Goat liest manchmal vor, und alle so: Mach fertig! Und er so: Kein Stress.
1786 – Villain Era. Ghostet Weimar. Haut ab Italien. Zwei Jahre Pizza. Bastelt weiter Faust. 1790 online. Aber nur Stück.
Dann Schiller, 1794, drückt auf ihn: Mach fertig! Goethe: Okay, gib mir vierzehn Jahre. Dann, endlich: Faust I kommt raus. Schiller: Ja, geil, aber was mit Sequel?
In Europa battlen sich grad alle. Napoleon voll am abloosen. Goat: Give me a break. Chillt und liest Iwan der Fister. Persischer Dichter, tausend Jahre tot. My bro, sagt Goat, wegen Feeling für ihn. Macht auch selber paar Raps über Osten und so. Über haram Alk und Sex. Aber auch über Propheten und über Nacht, wo Heiliger Koran von Himmel kommt. Übt Schrift von Araber und bringt sich bei, wie die korrekt labern. Chillt als Opa in Weimar und malt Buchstaben von rechts nach links.
Ische von Banker findet's cool. Dreißig Jahre jünger wie Goat. Schnickschnack. Er nennt sich Hatem, sie Suleika. Bringt West-östlicher Divan raus. Voll viele Schinken mit Persischnamen. Die NPCs am Hof so: Häh? Aber heute gleiche NPCs: Goat hat Brücke gebaut von Ost nach West. Er war der erste, wo Arabisch und Persisch in deutsche Bücher reingeholt hat.
1825 packt Goat Faust wieder raus und ballert was runter, wo krasser ist als alles von vorher. Zwölftausend Lines über Krypto-Vibes und Frankenstein und schönste Frau von Welt. Sohn, wo zu hoch fliegt. Opa, wo blind ist. Am krassesten: Monsterdevil wird von Engeln weggeballert. Hat sich keine Sau vorher getraut.
1832 ist Teil fertig. Und Goat so: Lassma Schrank. Beschwert sich wegen derb dunkel um ihn rum: Wallah, mehr Licht! Die Worte kriegen Fame wegen tot danach. Faust II ist Zombie-Release. Keiner checkt was, aber Goat so von oben: Kranker Scheiß, oda? No cap.